Was mich derzeit besonders umtreibt, wurde durch ein Buch von Mia Gatow (Rausch und Klarheit) zu Tage gebracht: Ich bin intensitätssüchtig und viele von uns sind es. Wir können von einem gesellschaftlichen Phänomen sprechen.
Ich wage zu behaupten: Wir sind fast alle süchtig, nach mehr Leben, nach mehr Verbindung, nach mehr Energie. Wie sonst erklärt sich all das Manische, was wir tagtäglich tun, und was seinen Selbstzweck verloren hat: unsere Kauflust, unsere Fernseh- und Serienabende, unsere dramatischen Liebesszenen. Unser Verhältnis zu Alkohol, Zigaretten, Rauschmitteln aller Art. Zu Tätowierungen. Zu Bungeejumping. Zu ständigen Auslandstrips. Zu dauerhaftem Input. FOMO, oder auch die Angst, was zu verpassen.
Da kann mir keiner erzählen, dass er oder sie das an sich braucht. All die Kleidung, Schuhe, Zeug. All die Tattoos, all die monumentalen Serien, die Extremerlebnisse.
Das alles sind Konsumgüter. Wir konsumieren unser Leben, wir erleben es nicht, wir kaufen es. Und die Erkenntnis hat mich mit Wucht getroffen.
Alkohol - adè
Seit fünf Monaten trinke ich keinen Alkohol mehr - eigentlich wollte ich nur bis Weihnachten fasten, aber dann spürte ich: ich brauche das nicht mehr. Das Eingelulltsein, dieses innere Rauschen. Weg. Auch das Rauchen, was ich gelegentlich schon auch tat, weg. Das passende Bedürfnis dazu ist verschwunden.
Das bewegt mich, daher lese ich Bücher dazu, wie das von Mia. Und die Erkenntnis, die dabei in mir gereift ist, haut mich um. Denn ich war schon immer süchtig, süchtig nach Intensität. Durch krasse Worte z.B. in Gesprächen, durch Dauerverliebtsein in meiner gesamten Jugendzeit bis locker in die Mitte meiner 30er. Meine Schwermut, meine Arbeitswut. Alles ein Rasen, ein Tiefgang ohne Stoppen, ein haltloses Fallen in die Dinge hinein. Ein Drängen hin zu mehr Intensität in allem. Mir war es sonst zu lasch. Zu langweilig. Zu grau.
Menschen, Umgebungen und Dinge waren und sind mir oftmals nicht griffig genug, nicht doll genug, haben zu wenig Energie, um mich aufzuladen. Das habe ich versucht mit Schmackes zu intensivieren.
Nichts anderes macht Alkohol. Und andere Rauschmittel. Und Verliebtsein. Und Workholic sein. Und alles Maßlose an sich. Und auch: mein Lesefieber. Ich lese nicht normal, ich tauche ab, ich sauge mich rein, ich verschlinge Texte und Bücher einfach, ich rase durch Bibliotheken und kann nie genug bekommen, lese Fach- und Sachbücher und gleichzeitig Romane, die sich auf meinem Fensterbrett türmen.
Das ist schon anstrengend, weil der Punkt des: 'Es reicht, danke, ich bin satt', einfach nicht kommt. Ich bin nie satt. Wir sind nie satt von den Dingen, nach denen wir süchtig sind. Das ist der innere Kern der Sucht: wie eine Möhre vor unserer Nase entfernt er sich beständig, wenn wir näher kommen. Wie eine Fata Morgana erscheint die Erlösung am Horizont und wird doch nie erreicht. Und wir müssen den Pegel erhöhen. Beim Alkohol, beim Lesen, beim Arbeiten, beim Verliebtsein. Damit wir uns noch spüren.
Der Lethargische Leptosom
Schon vor vielen Jahren, damals noch Schülerin der 13. Klasse, habe ich einen Aufsatz darüber geschrieben, wie der Mensch der Zukunft sein könnte. Ein schönes Kunstkurs Projekt.
Bei mir wurde es nach langem Überlegen der ‚Lethargische Leptosom‘ (und ja, wie witzig, damals glaubten mir meine MitschülerInnen nicht, dass ich es selbst geschrieben habe, Jahrzehnte vor ChatGPT).
Ich stellte mir den Menschen der Zukunft als apathischen (=lethargisch habe ich wegen der Wortschönheit gewählt) dünnen und energielosen Menschen vor, der nur noch Computerspiele spielt, Fernsieht und kifft. Ja, da hatte ich wohl ein paar Vorbilder in meiner Schule als direkte Vorlage.
Ich stellte mir vor, dass wir Erlebnisse nur noch konsumieren in Form von Film, Rausch und Events. Und dass wir dadurch abstumpfen, innerlich verstummen, nicht mehr Teil haben an der Welt, uns in Bubbles und Echokammern (#Hartmut Rosa) zurückziehen. Nur noch uns selbst in unseren vielfachen Bedürftigkeiten wahrnehmen.
Hab ich nicht weit gefehlt, finde ich, wenn ich mich so umschaue.
Die Frage ist nur: wo ist uns die Berührung mit dem echten Außen, dem Lebendigen verloren gegangen? Warum haben wir alles so rauschhaft konsumiert, dass wir nur noch wenig spüren und so viel Input von außen brauchen, damit sich Leben in uns regt?
Warum müssen wir uns kollektiv mit Alkohol betäuben, nur um noch weniger dabei zu sein?
Im Rausch und im Konsum sind wir gar nicht richtig da. Wir sind immer nur auf dem Weg zu etwas.
Alle meine Süchte:
Lesen, Berauschtsein (von Alkohol, ist vorüber), dramatisches Verliebtsein (auch vorüber), Informationen im Allgemeinen (Youtube, Instagram, das ganze WWW), extrem nahe Gespräche, ach: und Zucker ganz vorne weg!
Süchten kann man nur begegnen, wenn man die Ursachen bereinigt, die den Süchten Raum gibt. Und wenn wir auch ganz klar sind und sagen: Hey, Alkohol ist ein Gift, Zucker macht übel abhängig, toxische Beziehungen sind nicht cool!
Aufklärungsarbeit brauchen wir vorneweg.
Neptun, unser Suchtanzeiger
Und vielleicht hilft auch der Blick ins Horoskop: Neptun, der Planet des Traumes, Rausches, der Illusionen und des ‚Nicht hier seins‘ ist der passende dazu. Durch seine Position in den 12 Häusern und den Tierkreiszeichen zeigt er uns, in welchem Lebensbereich wir uns auf welche Art wegbeamen wollen.
Wir brauchen dazu noch die Planeten, mit denen sich Neptun verbindet, für mehr Infos. Mit Merkur verwirrt er die Gedanken, mit Venus legt er einen Sehnsuchtsnebel über die Liebe, am Aszendenten kennt man sich oft selber nicht. Mit der Sonne zeigt sich eine große innere Suche nach dem Kern des Selbst, mit dem Mond macht er extrem feinfühlig und flucht-lustig.
Neptun ist unsere Flucht aus dem Hier und Jetzt, unsere metaphysische Ader.
Bei mir steht er (da bin ich mal offen) im 3. Haus, was mein suchtendes Lesen und Dauerlernen zeigt. Und in Verbindung mit Merkur, wo es mich manchmal mit Irrlichtern durch die Welt der Gedanken führt.
Meine Süchte haben genuin mit Wissen und Wahrnehmung zu tun.
Ein anderes Beispiel: Im 12. Haus zeigen sich oft vererbte und sehr starke Süchte, vor allem nach Alkohol und Rauschmitteln. Dahinter steckt die Sehnsucht nach Transzendenz und nach der Anderswelt, nach dem Verlassen das Körpers.
Wenn wir genau schauen, wo unsere Süchte liegen, können wir uns fragen, was wir eigentlich brauchen. Worüber wir die Sucht nur pappen. Das offen liegende Suchtmittel bringt uns nie zur Sattheit. Aber das darunter liegende Sehnen kann befreit, kann erkannt werden.
Was sind deine Süchte?

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Jane (Donnerstag, 03 April 2025 18:32)
Liebe Jana, sehr interessanter Beitrag, auch ich faste gerade (zwischen Karneval und Ostern) Alkohol und Zucker. Und auch ich trage mich mit dem Gedanken, dass ich beides nicht mehr brauche.
Ich habe meinen Neptun im 4. Haus im Skorpion. Für mich waren Sex und Alkohol immer ein gutes Mittel, um mich gut zu fühlen. Die Suche nach Heimat ist für mich auch ein Dauerthema und es ist wohl eher die Sehnsucht nach "longing to belong", da meine Ursprungsfamilie mir wenig Sicherheit und Geborgenheit geben konnte.
Sibylle (Montag, 07 April 2025 15:12)
Danke für den offenen Beitrag. Im Grunde genommen kann mehr oder weniger alles zur Sucht werden. Mit Neptun im 7. Haus in Skorpion kenne ich Alkohol und Dauerverliebtsein (eine Superbezeichnung!) aus früheren Zeiten gut. Alkohol lässt sich vermeiden, ich lasse ihn bereits weg. Anders schaut es mit Menschen aus, selbst bei "normalem" Kontakt sehe ich es (weiterhin) als eine Herausforderung, da sich Menschen verändern können, gleich in welche Richtung...