Aufmerksamkeits-Ökonomie
Heute lag ich einfach nur in der Wanne und haben einem dicken Brummer beim Fliegen zugehört. Mehr nicht.
Es ist mein höchstes Gut geworden, so gut wie nichts zu tun. Weil ich von diesem Gut so wenig besitze.
Worum geht es bei diesem Gut? Um Aufmerksamkeit. Nicht um Zeit haben, um Geld haben, um Bindungen. Sondern um die pure Fähigkeit, sich einer Sache mit tiefem Fokus hinzugeben.
Ich bin schon länger Minimalistin in vielen Lebensbereichen. Und obwohl ich Sachdinge aller Art zu minimieren schaffte, so fehlte mir das eine Puzzleteil zu wirklicher innerer Ruhe. Es gab das aber nicht (gut, vielleicht entging es einfach meiner Aufmerksamkeit :-)). Diesen Minimalismus des Geistes. In einfacher Handhabung.
So suchte ich überall. Bücher mit dem Titel: Nichts tun, Langsamkeit, Gehen, Schweigen, Natur, buddhistische Fachliteratur.
Ich fand vieles, aber eines wollte ich vor allem lesen und hören: das Aufmerksamkeit unser höchstes Gut sein wird. In der Zukunft und auch schon jetzt. Aufmerksamkeit als Fähigkeit zur Konzentration und Kontemplation, zur Wachheit auf eine Sache bezogen. Ein Qualitätsmerkmal und der Gegenentwurf zum Multitasking der 2000er Jahre. Und wir jeder und jede dieses höchste Gut schützen kann.
Eines fand ich:
Je reicher und offener eine Gesellschaft ist, um so „offener und aufwendiger wird der Kampf um die Aufmerksamkeit ausgetragen“ schrieb der Wiener Sozialwissenschaftler und Raumplaner Georg Franck (1998, 11).
Danke, das wollte ich hören.
Warum ich das schreibe? Nicht nur, weil es mich tagtäglich betrifft und bewegt, sondern weil es auch astrologisch überdeutlich zu sehen ist: Uranus tritt am 7.7.2025 in die Zwillinge. Er hat noch einen Return und wird dann aber am 6. September 2025 wieder rückläufig und wandert am 8.11.2025 in den Stier zurück. 2026 kommt er dann für die nächsten 7 Jahre in die Zwillinge.
Jetzt haben wir den Auftakt einer Zeit, die vom Wort ‚technologischer Beschleunigung‘ getragen sein wird. Eine Zeit, die rast und uns fortreißt, uns mit Informationen überschüttet und alle multimedial permanent miteinander verknüpft. Das Ende des Verborgenen und Geheimen.
Es gibt vieles, was sich aus der Verbindung von Uranus in den Zwillingen ableiten lässt (siehe Blogbeitrag: Uranus).
Zeitalter der Distraction
Was ich im Tenor sehe ist die Überstrapazierung unseres Aufnahmevermögens. Und damit die Reduzierung unseres raren Gutes der Aufmerksamkeit.
Wir leben in einer Zeit der Distraction, der Zerstreuung und multiplem Entertainment.
Denken wir etwa an David Foster Wallace, dem begnadeten Tennisspieler, Hochschullehrer und Autor von Infinite Jest (Unendlicher Spaß), 1996, der einen heutigen Alltag damals als utopisch überzogen karikiert darstellte. Es geht um die Sucht nach einem bestimmten Film (Infinite Jest), der die Zuschauenden so in den Bann zieht, dass sie darüber hinaus essen, trinken, schlafen und den Toilettengang vergessen.
Sind wir da schon angekommen? Vergessen wir unsere Leiblichkeit, um uns dem endlosen Strom des medialen digitalen Konsums hinzugeben? Nur um nicht spüren zu müssen, was wir sonst noch im Leben brauchen?
Wenn wir wirklich annehmen, dass Aufmerksamkeit auf der Roten Liste steht, dann müssten wir akute Maßnahmen ergreifen:
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absolute Eingrenzung des Medienkonsums
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bewusste Entscheidung Veranstaltungen zu besuchen
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bewusste Entscheidung, wie oft wir verreisen
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wie viele Menschen wir als nahe Freunde auch regelmäßig treffen können
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was wir konsumieren an Kleidung und Dingen
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was wir lesen, hören, sehen in Bücher, Podcasts und TV/ Screens aller Art
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wie wir arbeiten und mit wie viel Unterbrechung wir dies tun (Mails, Anrufe, Internetsurfen)
Wo ist unser Deep Fokus hin? Ich lese Novellen von Thomas Mann und bin hingerissen. Die Charaktere sind so schön verständlich (quasi Archetypen, was nicht sehr real ist, aber egal), die Handlung betrifft nur eine Szene, eine Sache, eine Kommunikation. Herrlich. Diese Ruhe. Diese Art, etwas zu vertiefen.
Genauso schätze ich alte Filme, einfach wegen der langsamen Kamerafahrten.
Wenn wir das ernst nehmen und unsere Aufmerksamkeit schützen wollen, dann müssen wir sie wie ein seltenes scheues Tier behandeln und sie nicht ständig herauszerren und mit ihr spielen.
Unsere Nervenkapazitäten sind endlich. Ich vermute, dass sich am Horizont die seltsamsten neurologischen Erkrankungen abzeichnen, die vielmals mit der Überforderung der Aufmerksamkeit zu tun haben. Nicht nur ADHS, innere Unruhe, sondern ganz neue Krankheiten, die wir dann gemeinsam bewältigen müssen.
Deine Aufmerksamkeit ist dein höchstes Gut in der Zeit der Informationsgesellschaft. Vielleicht ist dies eine Anregung für dich, noch viel wertschätzender mit diesem Gut umzugehen. Von dir und auch von anderen.

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Ralf K. (Montag, 07 Juli 2025)
Ich bin überrascht, fass es einen Gegenentwurf zum Multitasking gibt, der nicht nur Ordnung durch eine Entlastung des menschlichen Daseins verspricht, sondern auch mehr Freiraum für Neues.
Ingrid Kuhlmann (Sonntag, 17 August 2025 16:50)
Oh, danke danke. Habe an der Aufmerksamkeit/Achtsamkeit immer wieder dran herumgebastelt, bei meiner Suche bin ich immer wieder bei Thich Nhat Hanh angekommen.
Aber ich stehe mitten im Leben, lasse mich immer wieder ablenken, nehme Anderes wichtiger usw.
Wer kennt das nicht.
Deine Sicht finde ich aktuell sehr passend - und ja, sie liegt in jedem Einzelnen, die berühmte Eigenverantwortung.
Im Alltag wie bei den globalen Herausforderungen.