Ach ja, alle Jahre wieder shoppe ich mich durch das Netz. Müsste ich zumindest, da meine drei Kinder mit großen hoffnungsvollen Augen unter den Baum linsen werden an Heiligabend. Da muss ja was drunter liegen.
Und ich will ja, dass sie sich freuen und sich geliebt fühlen. Daher gibt’s Geschenke. Moment mal. Sie fühlen sich geliebt, wenn sie Geschenke bekommen? Hä? Da kann was nicht stimmen. Nein, meine Kinder haben wirklich allen Grund, sich immer geliebt zu fühlen (außer wenn ich im Zombie Mama Modus bin und nervlich auf dem Zahnfleisch gehe), warum brauchen sie Geschenke?
Schauen wir mal ins Kinderzimmer. Voll. Dinge, die auf dem Boden liegen. Volle Regale und Schubkästen. Sie haben scheinbar alles. Lego, Playmobil, Holzbausteine, Magnetbausteine, Brio Eisenbahn Equipment, Barbies, Kuscheltiere, sogar eine Puppe, CDs, Bücher, n Haufen Zeug. Ja, sie spielen damit auch viel. Nun gibt es aber diese Jahresgelegenheiten, wo man schenken muss. Geburtstage. Nikolaus. Ostern. Weihnachten. Den Kindertag haben wir heimlich abgeschafft. Nikolaus ist höchstens ein Buch drin, sonst nur Süßes. Aber die anderen Gelegenheiten. Und die Kinder vergleichen sich ja mit ihren FreundInnen.
Kurz: Unsere Kinder haben alles, was ein Kinderherz je begehren kann an materiellen Dingen. Und: sie können sich nicht von Dingen trennen. Aber: sie wollen Geschenke und wir wollen ihnen eine Freude machen. Denkt auch mal an die Großeltern, die wollen ja auch was schenken.
Und so haben wir (und das betrifft uns alle, als Eltern besonders) ein Riesendilemma: Wir haben alles und leiden unter Stress, da wir unsere Dinge nicht unter Kontrolle haben (sprich: Aufräumen, reparieren, putzen, wissen wo was ist), ersticken in Materie, haben zu wenig Platz, um alles unterzubringen und kaufen dennoch Neues. Neues, das wir wiederum in unsere vollgepackten Schränke verstauen müssen.
Es ist doch so: Wir kaufen um des Kaufens willen. Und nicht, weil wir es brauchen. Oder? Bin ich froh, dass unser Staubsauger kaputt ist, da weiß ich also, was für mich unterm Baum liegt. Wir kaufen Dinge, weil sie schön verpackt sind, toll im Schaufenster aussehen oder super in einer Werbung angepriesen werden.
Was wir eigentlich kaufen ist ein Lebensgefühl, das uns suggeriert wird. Dieses Hyggelige aus Schweden (da bin ich anfällig für), dieses Kostbare und Luxuriöse, das uns selbst wertvoller erscheinen lässt. Dieses Sportliche (bin ich nicht für anfällig) und der ganze Lifestyle mit Outdoor und autarkem Leben (von Globetrotter bis Decathlon). Ich bin in keinster Weise ein entspannterer Mensch, wenn ich ein süßes neues Teelichtset erwerbe. Und sportlich macht mich nicht die coolste Yogahose. Und cool auch nicht. Und viel Patagonia an meinem Körper lässt mich auch nicht zu einem Draußenmenschen nah an der Natur und dem Abenteuer werden.
Es war ein riesiger Heureka Moment, als ich erkannt habe, dass man die Atmosphäre um einen Konsumartikel herum kauft, einen vermeintlichen Lebensstil. Man kauft nicht das Ding selbst, sondern die Aura. Und da weiß mal ja selber wie es ist mit diesen opaken, sphärischen Dingen: sie verpuffen, sobald sie nicht mehr aktiviert werden.
Wir suchen nach einem Berührtwerden durch das Leben. Nach einer Intensität der Lebendigkeit. Nach fröhlichen, ausgelassenen Gefühlen. Das können wir nicht kaufen. Das können wir nur immer wieder selbst herstellen in uns.
Wenn wir mal ganz weit rauszoomen und unser Leben von weitweg betrachten sehen wir vielleicht, wie wir in der Materie ersticken, wie wir lebloser werden mit all dem Zeug (denn das ist das wertvolle Konsumgut häufig für uns, nachdem die Aura verflogen ist). Wir sehen unseren eingeschränkten Horizont, unserer Verkorkstheit und unser andauerndes Sehnen, uns mit anderen Menschen liebend zu verbinden.
Wir strecken unsere Fühler aus und suchen nach Berührung. Dabei werden wir abgelenkt, in die hell beleuchteten Hallen des Konsums. Kauf dies, das macht dich schöner, kauf das, das wirkt dann reicher, kauf jenes, das macht dich interessant.
Bei all den Eigenschaften, die wir eigentlich kaufen anstelle des Produktes geht es darum: schöner, reicher, erhabener, liebenswerter und interessanter zu wirken auf andere. Sprich: es ist unterm Strich wieder nur ein Kontaktgesuch. Lern mich kennen, liebe mich. Ich bin so schön und interessant.
Vielleicht ist am Ende alles, was wir tun nur eine Bewegung hin zu den anderen. Warum streben wir nach Karriere und medienwirksamen coolen Jobs? Damit die anderen denken, wir wären was Tolles, Besonderes. Damit wir mehr Freunde haben.
Oder lasst uns die neue Welle der MillionärInnen Bücher anschauen: Wibke Sommers, Selflove Millionairs. Sie will auf Teufel komm raus so viel wie möglich Geld mit so wenig wie möglich Arbeit generieren. Was macht sie mit dem Geld? Wozu braucht sie es?
Um frei zu sein, nicht arbeiten zu müssen (muss sie natürlich dennoch, für ihr Influencer Unternehmen und all ihre Seminare).
Um mit ihrer Familie um die Welt zu reisen (schön luxusmäßig, damit eigentlich gar kein Kontakt mit dem echten Leben vor Ort entsteht. Ein Marriot oder Hilton Hotel hat weltweit die gleichen Luxusstandards.
Um attraktiver für ihren Mann zu sein (schreibt sie in ihrem Buch). Ja, verstehe ich (ähem).
Um alles ständig haben und kaufen zu können, was sie jemals will.
Um sich jeden erdenklichen Luxus leisten zu können.
Verstehen wir alle. Aber was steckt dahinter jeweils?
- Frei sein: bin ich frei, wenn ich nicht arbeite? Oder bin ich frei, wenn ich mein Leben selber gestalte? Was genau bedeutet Freiheit für mich? Wie kann dieses Gefühl in mir entstehen? Und hat meine Arbeit damit zu tun?
- Welt bereisen: Was ist die Welt und andere Kulturen, wenn ich sie nur aus einer Luxusblase heraus betrachte? Steckt dahinter nicht vielmehr: Ich kann es mir leisten, um die Welt zu reisen? Weil ich reich bin und nicht arbeiten muss? Steckt dahinter nicht wiederum: Sei mein Freund, denn ich bin reich und kann dir was schenken? Oder: Sei mein Freund, denn ich bin interessant und mache, was ich will?
- Um attraktiver zu sein für den Mann: Will sie für ihr Konto geliebt werden? Wer ist sie ohne ihr Geld? Was ist Liebe? Was liebt ihr Mann an ihr?
- Alles haben können: Was sind Dinge wert, um die man sich nicht bemühen muss? Wie sehr kann man sich auf etwas freuen, dass man sich jederzeit gönnen kann? Wo ist hier echte Lebensfreude?
- Für Luxus: Luxus bedeutet, dass andere Menschen für dich arbeiten, du über sie bestimmen kannst und sie dich vom Rest der 'dreckigen' Welt abschirmen. Sie lassen dich in einer Illusion leben (dass immer alles sauber ist, gut duftet, alles leicht ist, alles gut ist). Luxus ist die Negation des Todes, eine Illusion, die Verdrängung vom echten Hiersein. Luxus ist was für ängstliche Menschen, die den Kontakt mit anderen Menschen fürchten.
Ich kann hier noch viel mehr ins Detail gehen, über diese Dinge zerbreche ich mir oft den Kopf. Denn ich will den Antrieb von Menschen verstehen, warum sie sich so bemühen, um über anderen Menschen zu stehen. Weil eigentlich wollen sie ja nicht über ihnen stehen, sondern sich in ihrer Mitte geborgen fühlen. Schwierig.
Man weiß ja, dass mit dem Reichtum die Freunde unauthentischer werden, dass man nicht mehr weiß, warum sie mit einem gerne ihre Zeit verbringen. Vielleicht, um nur Brocken des Luxus zu erhaschen und in der reichen Blasen mitzuschweben. Wie gut kann sich eine Freundschaft anfühlen, wenn diese nur auf Gier und Neid beruht?
Ich verstehe einfach nicht, warum nicht alle darauf kommen und sich ihr Leben chillen:
Wenn wir weniger arbeiten, haben wir mehr Zeit, uns um unsere Lieben und sozialen Kontakte zu kümmern, um unsere Hobbys, um uns selbst. Wir sind nah am Leben, fühlen uns dadurch lebendig und frei, weil wir viel Zeit haben, über die wir frei verfügen.
Wir haben dann weniger Geld, aber wir brauchen ja keine emotionalen Mängel mit Schein-Gütern zu überdecken. Sparen wir uns.
Wir brauchen auch keine großen Wohnungen, um all die Schein-Güter zu horten. Sparen wir uns.
Wir brauchen auch keine hippen Events, Partys, Veranstaltungen und Weltreisen, um anderen Menschen zu zeigen, wie cool wir sind, denn wir haben ja gute Freunde, die wir regelmäßig sehen.
Wir brauchen auch kein Alkohol, Drogen, Therapien und Retreats, um dort unsere Gefühle zu parken. Weil wir fühlen ja jeden Tag authentisch, das, was ist.
Wer hat eigentlich damit angefangen zu behaupten, dass man äußere Dinge anschaffen muss, um innere Zustände zu erreichen? Was ist das nur für eine ungesunde Spirale der Konsumsucht, auf der unsere gesamte Wirtschaft aufbaut?
Und können wir damit bitte mal aufhören?
Es ist wirklich unentspannt für mich, wenn da draußen in der Vorweihnachtszeit die Hysterie losgeht und alle wie irre kaufen. Und ich schon an den riesigen Müllberg denken muss, den wir wieder produzieren.
Ich könnte jetzt direkt zum Ministerium für Demut überleiten, aber das wird ein anderer Beitrag.
Letztendlich geht es um die Überdeckung unserer innewohnenden Einsamkeit. Und die kann man sich einfach nicht wegshoppen.
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Sibylle (Montag, 08 Dezember 2025 11:49)
Die Worte, Sätze berühren meine Seele :-) Eine besinnliche Adventszeit und glückliche Festtage wünsche ich allen
S. (Montag, 08 Dezember 2025 15:44)
hier mal ein link zu Schweden (hoffentlich erlaubt einzustellen):
https://visitsweden.de/aktivitaten/kultur-geschichte-und-kunst/kultur/lebensstil/lagom/
god jul och gott nytt år