Dem Kind einen Namen geben
Gib mir einen Namen - das erinnert mich an die namenlose Kindliche Kaiserin aus Michael Endes 'Unendlicher Geschichte'. Es ist der Dreh und Angelpunkt der gesamten Handlung und die einzige mögliche Lösung, um das Nichts aufzuhalten.
Geben wir Dingen (oder Personen) einen Namen, dann erhalten sie eine Wirklichkeitsebene, mit der wir umgehen können. Unbenanntes entflieht uns. Auch umgangssprachlich sagt man: Dem Kind einen Namen geben, Eine Sache endlich benennen, wenn vage rumgedruckst wird.
Die Benennung ist oftmals der erste Schritt zur lösenden Handlung. Wir holen das Thema, das Problem in die einzige Ebene, in der wir wirkmächtig sind, eine Agency (Handlungsmacht) haben.
Namen sind enorm wichtig. Nomen est omen kennt man ja auch. Sprache ist enorm wichtig, sie materialisiert das potenziell Wirkliche.
Sprechen wir nun von unserem Schmerz. Unseren Ängsten und Blockaden. Stellen wir uns vor, dass wir genau das nicht gerne tun, eben weil es uns verletzt, uns in Kontakt mit dem bringt, dem wir ohnmächtig ausgeliefert scheinen, das wir nicht lösen können, das wir also gerne verdrängen.
Chiron – der unbenennbare Schmerz in uns
Vieles in unserem Leben ist schmerzhaft für uns. Der Verlust, die Einsamkeit, das Scheitern. In der Astrologie gibt es Anzeichen für Schmerz, etwa bei Transiten von Pluto oder Saturn. Das sind meistens Lebensphasen, wo wir dazu aufgerufen werden, zu handeln und uns um Probleme zu kümmern, die sich schon seit längerer Zeit aufgebaut haben. Das ist schmerzhaft im Sinne einer Krise.
Ich meine aber einen anderen Schmerz. Den Schmerz der unheilbaren Wunde, ein eher schambehafteter Dauer-Schmerz, den wir schon seit unserer Kindheit kennen. Die Chiron Wunde.
Im Mythos ist Chiron ein Zentaur, ein Mischwesen aus Pferd und Mensch. Er gilt als einer der weisesten Wesen und war als Lehrer und Heiler vielen Stars der mythischen Antike ein Unterstützer. Der bekannteste Zögling von Chiron ist Herakles, dem er das Heilwissen, wie auch den Umgang mit dem Bogen beibrachte.
Da gab es dann diesen Zwischenfall, wo Herakles Chiron versehentlich mit dem Pfeil an der Schulter verwundete. Ein ziemlicher Schmerz, eine tiefe Wunde, eigentlich eine tödliche Wunde, wäre Chiron sterblich. Doch aufgrund seiner besonderen Position war er von Zeus einst unsterblich gemacht worden. Fortan litt er unsägliche Schmerzen und konnte dennoch nicht sterben. Seine Wunde heilte nie.
Das ist der Mythos zum unendlichen Schmerz des Chiron. Astrologie ist mitunter so hilfreich, weil sie uns Worte leiht für Gefühle und Themen, die wir nur schwer benennen können. Weil wir uns auch Anleihen beim Mythos machen können, wir bei Chiron. Und auch, weil es sich dann nicht mehr nach Eigenverschulden anfühlen muss, sondern eher nach Fügung. So ist es eben. Wir sind in dieses Leben gekommen ohne Rückversicherung, ohne ein zweites Sicherheitsseil und ohne Plan.
Wir haben vage ein paar Aufträge entgegen genommen, die uns aber eher unbewusst erscheinen. Eigentlich wissen wir nicht, was wir hier sollen, daher imitieren wir, was die anderen tun, die schon vor uns da waren. Sie müssen es ja wissen (wissen sie nicht, aber egal).
Wir imitieren das gute Leben, die gute Karriere, die gute Liebe, die guten Freundschaften und guten Hobbys. Und langsam schleicht sich der Zweifel in uns – was tun wir hier eigentlich? Es fühlt sich nicht nach mir an. Aber was ist das, was zu mir passt?
Die Eruptionen, die wir in Zeiten von Plantentransite erleben sind immer auch ein Aufrütteln, damit wir uns besinnen, was wir hier tun. Wenn wir zu weit vom Weg abweichen, von unserem inneren Lot, unseren eigenen Themen und Aufgaben, dann ist dieses Aufrütteln stärker und natürlich dadurch unangenehmer. Schmerzhaft zuweilen. Eine Krise, eine Krankheit, eine Kündigung, eine Trennung.
Dinge und Menschen hören auf bei uns zu sein, wenn sie nicht auf unserem Weg sind. Und so können wir Krisen anders lesen lernen. Als Erinnerungen an das Eigentliche in uns. An unseren individuellen Weg. Wir sind nicht hier, um den recht einseitigen Parcours des guten Lebens inhaltsleer zu imitieren. Inhaltsleer und sinnlos, ohne emotionale Beteiligung von unserer Seite. Das macht man ein paar Jahre und Jahrzehnte, dann kracht es zusammen.
Unsere individuelle Wunde
Chiron zeigt dabei eine spezielle Wunde an, die wir nicht eigentlich heilen können in diesem Leben. Es ist wie ein Störfaktor, über den wir immer wieder stolpern. Jeder über seine Themen, jeder auf seine Weise. Chiron im Widder (Jahrgängen 1968 bis 1977) verbraucht viel Energie darin, sich prophylaktisch gegen potentielle Gegner und Gefahren zu wehren. Chiron im Stier (1977-1984) ackert wie verrückt, damit er den materiellen Mangel übertünchen kann, denn er hat große Angst davor, zu wenig zu haben: Geld, Essen, Liebe, Sicherheit. Chiron in den Zwillingen (1984-1988) leidet oftmals unter dem Imposter-Syndrom und beliest sich viel, studiert, lernt immerzu, damit das Gefühl des Nichtwissens, der Dummheit endlich Ruhe gibt.
Im 1. Haus zeigt Chiron Menschen an, die ein Unwohlsein empfinden, wenn sie sichtbar sind, wenn man sie fokussiert und sie zu einer Identität zwingt. Im 2. Haus ist da dieser Mangel an Selbstwert, auch an physischem Wert, so dass man sich klein hält. Im 3. Haus lässt man Kommunikation manchmal lieber ganz sein, als dass man Worte im Mund verdreht bekommt, oder eh ungehört bleibt.
Jede Chiron Position im Tierkreiszeichen und in dem astrologischen Haus bringt eine spezielle persönliche Versehrtheit mit sich.
Wie man sieht sind es oftmals Wunden, die nicht physisch wehtun, aber einen innerlich verletzen, mit Scham besetzen. Wir wollen nicht, dass andere uns in diesem Mangel sehen und tun sehr viel dafür, diesen Mangel zu verdecken, damit wir die Scham in den Griff bekommen.
Chiron zeigt gesellschaftliche Ansprüche an, an denen wir scheitern, denen wir nicht gewachsen sind. Wir alle wollen dazugehören, wir sind soziale Lebewesen und darauf angewiesen, dass wir in einer Gruppe, einer Gemeinschaft aufgenommen werden und geschützt sind.
Die Maske, die wir tragen
Insofern betreiben wir alle eine Maskerade – wir imitieren Stärke und lachen laut über unsere Scham hinweg, damit sie niemand bemerkt. Was hilft, ist Bewusstsein darüber. Erstens: alle haben einen innere seelische Versehrtheit. Alle.
Zweitens: Es ist nicht so schlimm in einem Bereich zu scheitern oder einfach nur: nicht zu brillieren. Unsere Schwächen sind ok.
Wir leiden teilweise mehr daran, dass wir uns vorstellen, was passieren würde, wenn unsere Deckung auffliegt, als an dem Mangelthema selbst.
Wir leiden auch mehr daran, dass wir unglaublich viel Energie in die Verdeckung und Kompensation unseres Mangelthemas stecken, als an dem Thema selbst.
Wir leiden an der Unvereinbarkeit unseres Selbstbildes mit unserer Wunde. Am Ende ist es nicht nur ein gesellschaftliches Thema, sondern vor allem ein Thema des Egos.
Es ist unser Ego, dass alles daran setzt, den Mangel zu verstecken. Unser Ego, dass alte Strukturen um jeden Preis aufrecht erhält (eben auch den Mangel), als Neues zu versuchen.
Der König ist nackt
Unser Ego ist komplett humorlos. Es nimmt alles bierernst, was gegen die Aufrechterhaltung des Alten geht. Das Ego ist ein alter Krieger, der nicht verlieren kann. Der Humor hingegen ist der weise Narr, der dem König zeigt, dass er nackt ist. Der alles sagen kann, weil er eine Sonderrolle in der Gesellschaft einnimmt.
Es ist eben so: der König ist nackt (das Märchen kennst du, oder?). Der Narr benennt die Dinge bei seinem Namen. Das Volk hingegen hat ängstlich und schamhaft geschwiegen und das Sichtbare verleugnet.
Auch wir sind nackt, an der Stelle, die Chiron im Horoskop markiert. Du wirst es nicht ändern können. Du kannst aber anfangen mit dieser Nacktheit zu arbeiten. Also mit der Anerkennung der Realität, wie sie eben ist, ungeschönt. Damit nimmst du dem Drama den Nährboden, damit verweist du das Ego in seine Grenzen. Es lebt sich um Einiges leichter, wenn du zugibst: Ja, hier bin ich nicht so toll, hier fühle ich mich unterlegen und weniger begabt, hier empfinde ich einen Mangel.
Stell dir einen Dominoeffekt vor: Einer fängt an, seine Nacktheit anzunehmen und andere folgen ihm. Wie der Druck aufhört. Die Maskerade. Wie ehrlich wir miteinander sein können. Wie nah und liebevoll. Wie der Konkurrenzdruck aufhört. Wie Scham sich auflöst und wie viel Energie frei wird. Weil wir nicht mehr leugnen müssen, was ist.
Im Mythos ist Chiron übrigens freiwillig in den Hades gegangen, er hat seine Unsterblichkeit geopfert und ist gestorben. Nicht nur, weil er keine Schmerzen mehr erleiden wollte, sondern vielmehr, weil er so einen größeren Dienst leistete: Durch sein Opfer wurde Prometheus vom Felsen befreit. Prometheus, der Vordenker, der Titan, der den Menschen das Feuer (der Erkenntnis) brachte. Übersetzt könnte man sagen: Der eigene Schmerz, beziehungsweise die Anhaftung an den Schmerz wurde geopfert um Raum zu geben für große Erkenntnis.
Wie können wir unseren eigenen Schmerz opfern? Wie können wir die Anhaftung überwinden? Ich habe ein E-Book dazu geschrieben, dass durch alle 12 Tierkreiszeichen und 12 Häuser führt. Es soll dir und anderen eine Hilfe sein, deinen eigenen chironischen Schmerz zu benennen und auf eine andere Ebene zu heben.
Der König ist nackt und wir sind es auch.

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